Entstehung
Zur Vorgeschichte Nordeuropa. Schweden war im Altertum Siedlungsgebiet verschiedener
germanischer Stämme. Die schon frühzeitig unter dem Stammeskönigtum des
Ynglingargeschlechts geeinten Svear, deren älteste Sitze am Mälarsee lagen (Kult- und
Herrscherstätten Altuppsala und Vendel), unterwarfen um 600 die Gauten (Göten) in
Götaland.
Der Ynglingarkönig ErichVII. Segersäll (»der Siegreiche«) beherrschte in
der 2. Hälfte des 10.Jh. auch Dänemark. Vom 9. bis 11.Jh. unternahmen schwedische
Kriegerkaufleute (Waräger) Raub- und Handelszüge, die sie von der Ostseeküste über die
Stromgebiete von Wolga und Dnjepr bis nach Byzanz führten; einige von ihnen errichteten
schon in der 2.Hälfte des 9.Jh. lokale Herrschaften besonders über Nowgorod und Kiew und
waren maßgeblich an der Herausbildung des Kiewer Reiches beteiligt (Rurikiden).
Die schwedischen Wikinger kontrollierten wichtige Bereiche des nordeuropäischen Fernhandels
(Zentren: Birka, Haithabu). Nach Einzelmissionen (u.a. Ansgar um 830) breitete sich seit
Beginn des 11.Jh. das Christentum von Götaland nach Norden aus; König OlafIII.
Skötkonung (»Schoßkönig«; etwa 9951022) nahm mit seiner Taufe (1008) zugleich die
Bischofsverf. und die in Mitteleuropa längst ausgebildeten staatlichen Verwaltungsformen
für Schweden an. 1164 wurde das Erzbistum Uppsala errichtet.
Unter Knut Eriksson (etwa 116796) entfaltete sich das Städtewesen in Schweden nach
deutschem Vorbild. Charakteristisch war die freie Stellung der Bauern, sodass sich scharfe
ständische Unterschiede nicht ausbildeten. Im 12./13.Jh. unterwarf Schweden Finnland
(Gebietsgewinne vor allem unter Birger Jarl, der die Dynastie der Folkunger [12501363]
begründete).
Als MagnusII. Eriksson (131963, als MagnusVII. Eriksson auch König von
Norwegen) versuchte, seine Macht gegenüber dem Adel auszubauen, verbündete sich dieser
mit Herzog Albrecht von Mecklenburg, vertrieb Magnus und wählte Albrechts Sohn zum König
(Albrecht, 136489); als dieser 1389 von einem dänischen Heer besiegt und gefangen
genommen wurde, fiel ganz Schweden der Dänenkönigin MargareteI. zu, die 1397 in Kalmar
die Vereinigung der drei skandinavischen Reiche erklärte (Kalmarer Union).
Den anhaltenden Widerstand gegen die Union (u.a. Aufstand unter Engelbrekt Engelbrektsson
143436; unabhängige schwedische Politik seit 1470 unter den Reichsverwesern Sten Sture
d.Ä. und Sten Sture d.J.) versuchte ChristianII. von Dänemark mit dem »Stockholmer
Blutbad« 1520 (Hinrichtung adliger Anhänger Sten Stures) zu brechen. Daraufhin
beseitigte Gustav Eriksson Wasa von Dalarna aus mit Unterstützung Lübecks die
Dänenherrschaft; er wurde 1523 als GustavI. zum König gekrönt und führte 1527 die
Reformation ein. Der Anspruch auf die führende politische und wirtschliche Rolle im
Ostseeraum (Dominium maris Baltici) war für die folgenden anderthalb Jahrhundert. das
bestimmende Ziel der schwedischen Politik.
Unter GustavII. Adolf (161132) wurde Schweden
zur europäischen Großmacht; Gustav erwarb 1617 von Russland Karelien und Ingermanland,
1629 von Polen Livland. 1630 griff er aufseiten der protestantischen Fürsten erfolgreich
in den Dreißigjährigen Krieg ein. Nach seinem Tod 1632 in der Schlacht bei Lützen
leitete Kanzler A.Oxenstierna die Vormundschaftsregierung für Königin Christine.
Im Krieg gegen Dänemark (164345) gewann Schweden u.a. Jämtland, Härjedalen, Halland sowie
die Inseln Gotland und Ösel und brach die dänische Ostseeherrschaft endgültig. 1654
dankte Christine zugunsten ihres Vetters KarlX. Gustav aus dem Haus Pfalz-Zweibrücken ab,
der den 1.Nord. Krieg 1658 mit dem Frieden von Roskilde erfolgreich beendete
(NordischeKriege). Im Frieden von Oliva (1660) wurde unter der Garantie der europ. Mächte
S. der Besitz fast ganz Livlands, Estlands mit Ösel und Schonens bestätigt. Der Versuch
KarlsXII., im Großen Nord. Krieg (170021) die schwedische Ostseeherrschaft zu festigen,
scheiterte mit seiner Niederlage gegen Russland bei Poltawa (1709); der Friede von Nystad
(1721) beseitigte schließlich die schwedische Großmachtstellung: Schweden behielt seine
Besitzungen auf der skandinavischen Halbinsel und in Finnland, dazu Vorpommern westlich
der Peene mit Rügen und Wismar.
Die Ständeherrschaft nach dem Tode KarlsXII. (»Freiheitszeit« 171872) wurde von
GustavIII. (177192) durch den aufgeklärten Absolutismus abgelöst. GustavIV. Adolf
(17921809) schloss sich der 3.Koalition gegen NapoleonI. an. Als Russland 1808 Finnland
erobert hatte, wurde der König 1809 abgesetzt. Mit der Wahl des frz. Marschalls J.-B.
Bernadotte zum Thronfolger (1810; als KarlXIV. Johann 181844 König) gelang es den
schwedischen Ständen, das Land aus den europ. Konflikten herauszuhalten.
Der als liberal geltende OskarI. (184459) verfolgte zunächst außenpolitisch
gesamtskandinavische Ziele, für deren Durchsetzung gegenüber dem Deutschen Bund er im
Deutsch-Dänischen Krieg 184850 Dänemark Truppenhilfe gab und nach dem Waffenstillstand
von 1849 in Nordschleswig ein schwedisches Militärgouvernement. einrichtete. Seit dem
Krimkrieg (1853/5456) war die Neutralität Grundsatz der schwedischen Politik. 1905 löste
sich Norwegen aus der seit 1814 bestehenden Personalunion mit Schweden.
1909 wurde für
die 2. schwedische Kammer das allgemeine Wahlrecht und für beide Kammern das
Verhältniswahlrecht eingeführt. Die von Schweden beanspruchten Ålandinseln sprach der
Völkerbundsrat 1921 Finnland zu. 1920 wurde die erste rein sozialdemokratische Regierung
in Schweden unter H.Branting gebildet, der weitere Kabinette vornehmlich
sozialdemokratischen Zusammensetzung folgten (im Wechsel mit Konservativen 1923/24, 192830
und Freisinnigen 192628, 193032).
Im Zweiten Weltkrieg vermochte S. seine Neutralität
aufrechtzuerhalten (begrenzte Transitgenehmigungen für dt. Truppen); es belieferte das
national-sozialistische Deutschland. aber mit Eisenerz sowie Erzeugnissen der schwedischen
Industrie (vom Deutschen Reich wohl z.T. mit Raubgold finanziert) und nahm zahlreiche
Flüchtlinge, besonders aus Dänemark und Norwegen, auf. Das Hilfegesuch Finnlands im
Finnisch-Sowjetischen Winterkrieg 1939/40 wurde von der schwedischen Regierung offiziell
abgelehnt.
Nach dem Tod GustavsV. (1950) bestieg GustavVI. Adolf den Thron, 1973 KarlXVI. Gustav.
Innenpolitisch setzte die schwedische Sozialdemokratie nach dem Zweiten Weltkrieg die
in den 1930er-Jahren von Ministerpräsident P.A. Hansson begonnene Politik des
Wohlfahrtsstaates unter den Ministerpräsidenten T. Erlander (194669) und O. Palme (196976
sowie 198286) verstärkt fort, wurde jedoch seit 1976 von bürgerl. Koalitionsreg. (z.B.
unter T.Fälldin 197678 und 197982 sowie C. Bildt 199194) mehrfach in die Opposition
verwiesen. Angesichts einer Währungskrise und einer hohen Staatsverschuldung zu Beginn
der 1990er-Jahre sahen sich sozialdemokratisch oder bürgerlich geführte Regierungen zu
starken Abstrichen in der Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates veranlasst. Bei den
Reichstagswahlen 1994 siegten die Sozialdemokraten und stellten mit ihrem Vors. I.Carlsson
den Ministerpräsident (bereits 198691 im Amt). Nachdem Carlsson im Aug.
1995 seinen
Rücktritt angekündigt hatte, wurde im März 1996 G.Persson zu seinem Nachfolger im Amt
des Parteivorsitz und des Ministerpräsidenten gewählt (trotz starker Stimmenverluste der
SAP bei den Reichstagswahlen 1998 im Amt bestätigt). Auf Empfehlung der schwedische
Regierung beschloss im Aug. 1995 die Synode der Evang.-Luth. Kirche die 1525 von König
GustavI. Wasa geschaffene Bindung ihrer Kirche an den Staat zum 1.1. 2000 aufzuheben.
Außenpolitisch stellte S., das 1949 Gründungsmitglied des Europarates sowie 1951/52 des
Nord. Rates war und sich 1960 der EFTA angeschlossen hatte, am 1.7. 1991 den Antrag auf
Aufnahme in die EG.
In einem Referendum am 13.11. 1994 stimmte die Bev. mit 52,2% der
Stimmen dem Beitritt Schwedens zur EU zum 1.1. 1995 zu. Nach dem Ende des
Ost-West-Konfliktes engagierte sich S. bes. in der Hilfe für die baltischen Staaten. Im
Mai 1992 beschloss das Parlament eine Abkehr von der traditionellen Neutralitätspolitik;
1994 schloss sich S. dem NATO-Programm »Partnerschaft für den Frieden« an. In einem
Beschluss (1.12. 1995) unterstellte die Regierung erstmals schwedische Truppen (im Rahmen
der internationale Friedenstruppe für Bosnien und Herzegowina) einem NATO-Kommando. Im
Dezember 1996 unterzeichnete Schweden das Schengener Abkommen. 1997 entschied sich die
schwedische Regierung trotz Kritik der Europ. Kommission gegen eine Teilnahme Schwedens an
der dritten Stufe der Europ. Wirtschafts- und Währungsunion (Euro-Zone) zum 1.1. 1999
(Beteiligung für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen). Im Mai 1998 ratifizierte das
schwedische Parlament den Amsterdamer Vertrag zur weiteren Ausgestaltung der EU. |